Lechtal/Gipfelbesteigung Rote Wand + Graubünden/Stilfser Joch 2005

Einmal hatte ich die Tour auf die Rote Wand schon wegen schlechtem Wetter und fortgeschrittener Tageszeit nicht weit vom Gipfel abgebrochen - vor ca. 10 Jahren. Alle Zeichen deuten darauf hin, das am kommenden Wochenende die Revanche fällig ist. Das zweite Ziel: Im Jahr 2005 wollte ich unbedingt über das Stilfser Joch und den Umbrail Paß fahren. Mit meinem Kumpel Willy aus dem Allgäu konnte ich noch kurzfristig eine Tagestour an einem Werktag ausmachen, laß mich dann aber zu einer gemütlichen Tour durch die Lechtaler Alpen überreden, die auch ihren Reiz hatte.
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Am letzten Augustmontag kündigt sich für die Woche und das folgende Wochenende stabiles Hochdruckwetter an. Der Hinterreifen ist an der Grenze, würde aber die Tour nicht mehr überstehen. Erleichtert erfahr ich: Der Reifenhändler kann das Problem rechtzeitig vor dem Wochenende beseitigen. Am Mittwoch bestätigt sich die Wettervorhersage und der Reifen ist montiert, Zeit zur Probefahrt bleibt allerdings nicht. Wichtigeres ist noch zu erledigen. Nach einiger Suche im Internet findet sich als Unterkunft im Müstairtal ein nettes Hotel in Sta. Maria. Die Freiburger Hütte oberhalb Lech als Ausgangspunkt für die Bergwandertour kenn ich schon seit zehn Jahren. Also ist ruck zuck ein Bett reserviert. Donnerstag: Nach der Arbeit noch schnell eine Minitour als Probefahrt nach dem Reifenwechsel, dann zum Reifenhändler, der die Radmutter nachzieht. Wetteronline zeigt immer noch schönes Wetter fürs Wochenende, unglaublich! Meine Frau behält ihre gute Laune und gibt mir fürs Wochenende „frei: Jetzt steht wirklich nichts mehr im Weg. Nochmal die geplante Route mit Zeitmarkierungen auf dem Routenplaner im PC durchlaufen lassen und es ist Zeit für die Nachtruhe vor einer aufregenden Tour. Ob alles so klappt wie ich es mir vorstelle? Und wenn nicht - ich will wirklich nur auf die Rote Wand und übers Stilfser Joch. Der Rest ist ein Sahnehäubchen ohne das der Kuchen genauso gut schmeckt.

Am Freitag reicht der Puffer von einer Stunde bis ein Uhr im Büro natürlich nicht. Warum bin ich grad an so einem Tag unentbehrlich? Eine Stunde später als geplant bin ich zu Hause. Kette schmieren, Öl, Kühlflüssigkeit und Beleuchtung nochmal prüfen und das packen kann losgehen. Möglichst wenig, weil alles in die Gepäckrolle passen und der Tankrucksack möglichst niedrig bleiben soll, damit die Haya gut steuerbar bleibt. Gleichzeitig muß aber eine ordentliche Ausrüstung fürs Bergwandern verstaut werden. Irgendwann kann ich mich selber noch davon überzeugen, das ich nicht zur Modenschau unterwegs bin und schaffs gemäß meinem Zeitplan mit einer zusätzlichen halben Stunde Verspätung, den Reißverschluß der Taschen zuzuziehen und loszufahren.
Ca. 30 km Bundesstraße in Westmittelfranken bringen mich auf die A7. Strecke und Zeit genug, um mich ans Gepäck zu gewöhnen. Strahlender Sonnenschein, beste Straßenbedingungen und ich stell auf der Autobahn fest, daß das Gepäck bis 250/260 km/h nicht hinderlich ist, sondern ein sicheres Gefühl vermittelt. Alles darüber ist durch den Tankrucksack eine Tortour für den Kopf. Anfangs ist die Autobahn mäßig befahren. Je weiter ich Richtung Süden komm wird der Verkehr dichter. Freudig und dankbar nehm ich eine lang anhaltende La Ola-Welle der Autofahrer auf die rechte Fahrspur an und laß das Motorrad mit unverminderter Geschwindigkeit auf der linken Fahrspur weitergleiten. Ich denk mir: Die Silhouette der Hayabusa macht doch ganz schön Eindruck. Aber weit gefehlt. Später fällt mir auf: Irgendwie muß ich an den Schalter vom Fernlicht gekommen sein. Im jetzt dichten Verkehr hab ich mehr Zeit aufs Instrumentarium zu sehen und da leuchtet mir die blaue Kontrollbirne gar zu grell in die Augen.

Der erste Tankstopp an der Raststätte Illertal gibt mir die Sicherheit, das der Treibstoff bis nach der Gipfeltour reicht und ich heute zwar verspätet aber ohne mögliche Benzinsorgen in die Österreichische Bergwelt eintauchen kann. Irgendwie schaff ichs noch bis Sonthofen - und endlich: In Hintelang angekommen vermittelt mir die altbekannte Strecke zum Oberjoch und über den Gaichtpaß ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Serpentinenwedelnd und freudig gespannt aufs Weitere komm ich im Lechtal an. Dort nimmt mir eine längere Baustelle und Verkehrsregelung durch eine Ampel noch etwas Zeit. Die Dämmerung setzt ein und mich überfällt ein leichter Anflug von Panik. In Gedanken beschwichtige ich mich: Du kennst jeden Meter bis zu Hütte und für heute steht nichts wichtiges mehr auf dem Plan! Eine Geröll-Lawinen geschädigte Straße nicht weit vor Lech vergrößert dann doch noch etwas meine Unsicherheit, und als ich am Ortsausgang von Lech in Richtung Arlbergpaß eine Straßenbeschädigung seh, die wie ein Neubau aussieht, seh ich auch meinen Zeitplan für Samstag in Gefahr.
Aber jetzt erst mal zurück in den Ort und über Zug zum Formarinsee! Dann irgendwie das letzte Stück zur Hütte bewältigen. Schweren Herzens zahl ich zehn Euro für die kleine Mautstraße, freu mich dann aber auf der Strecke. Die Gebühren zwingen oder motivieren die Straßenarbeiter diese kleine Nebenstrecke selbst nach erkennbar schweren Geröllabgängen kurzfristig in einen befahrbaren Zustand zu bringen. Ich mache noch Bekanntschaft mit zwei kleinen Kuhherden, die Herr der Weiden und der Straße sind und komm bei fortgeschrittener Dunkelheit am Formarinsee an. Der Rest des Wegs zur Hütte ist mit Schotter befestigt und als Fußweg oder Versorgungsweg zur Hütte gedacht. Was mach ich nur, was mach ich nur? Ein freundlicher Einheimischer der zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort ist, sieht mein Dilemma und motiviert mich recht eindringlich: wenn ich mir zutrauen würde, den Weg mit meinem Gefährt zu bewältigen, dies dann doch auch in die Tat umzusetzen.
Nach ca. fünf Minuten Fahrtzeit freu ich mich, das mir zwanzig bis dreißig Minuten Fußmarsch mit Gepäck und im Dunkeln erspart wurden. Als positiven Nebeneffekt kann ich noch ein warmes Abendessen verbuchen, denn die Küche war bei meiner Ankunft kurz vorm schließen. Letztendlich freu ich mich, das mein Motorrad nicht des nachts mitten in der Pampa steht. Die Enduro des Hüttenwirts im Einstellraum allerdings muß sich beim Anblick meiner Haya vorgekommen sein wie der Geißenpeter, als die Lara aus der Stadt zu Besuch gekommen ist.

Der Hüttenwirt stellt mich vor die Wahl, statt des gebuchten Matratzenlagers ein leeres Zweibettzimmer zu wählen und muß mich nicht lang dazu überreden. Ich bekomm mein Abendessen überreicht und lern auch gleich an der Theke einen netten Burschen kennen, der mit seiner Gruppe am nächsten Tag die Rote Wand besteigen will. Was will ich mehr? Schnell sind Hunger und Durst gestillt. Anschließend, bei einem Gläschen Rotwein lern ich noch die illustre Gruppe aus Stuttgart kennen. Die Mischung aus mehreren Nationen verspricht einen interessanten Gesprächsstoff beim Bergwandern. Müde, geschafft und zufrieden lande ich frühzeitig im Bett. Entsprechend gut erholt gehts früh aus den Federn. Genügend Zeit um die Kette zu schmieren (noch bin ich PTL-Fan) und soweit jetzt schon möglich zu packen. Den Rucksack für einen mehrstündigen Aufstieg gefüllt bleibt noch viel Zeit für ein gemütliches Frühstück.
Derweil liegt noch dichter Nebel auf dem tiefer gelegenen See. Aber sonst Sonnenschein und herrlicher blauer Himmel. Dann Aufbruch. In einer zehn bis fünfzehn köpfigen Gruppe marschiere ich mit Deutschen, Polen, Russen und Chinesen los. Alle leben derzeit in
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Süddeutschland verstreut, haben sich in der Schule oder später irgendwo in Stuttgart kennengelernt und sind seit Jahren ein verschworener Haufen, der allerdings einem allein reisenden Franken gegenüber sehr aufgeschlossen scheint.
Von 1918 Höhenmetern auf der Freiburger Hütte gehts erst mal ein paar Meter abwärts, danach ca. 1000 m aufwärts zum Gipfel auf 2704 m. Einerseits sind die Passagen, die wir durch den Verlauf des Weges ein paar mal gezwungen werden abwärts zu gehen erholsam. Dennoch ist es frustrierend weil ich ja weis, das jeder verlorene Höhenmeter wieder mühsam erkämpft werden muß.
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Besonders als ich nach ca. zwei Stunden feststellen muß, das mich die Kondition verlassen hat und zu solch einer Bergwanderung halt auch eine gute Vorbereitung durch sportliches Training gehört. Von Zeit zu Zeit fluchend und still vor mich hin schimpfend kämpfe ich mich Meter um Meter zum Gipfel. An einigen Punkten lassen wir auch ein paar der Mitstreiter zurück, die nicht mehr weiter können oder wollen.
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Eine echte Tourenbeschreibung überlaß ich den Profis. Diese ist auch auf den einschlägigen Internetseiten oder in Büchern leicht zu finden. Soviel aber sei erwähnt: Der Weg ist gut gekennzeichnet und angenehm zu laufen. Nicht weit vom Gipfel sieht man auf der Nordseite der Wand einen Gletscher. Gleichzeitig erreicht man einen kleinen Kamm, der absolute Schwindelfreiheit erfordert. Es ist nicht besonders schwer, den Kamm zu überqueren, aber an mehreren Stellen gehts auf beiden Seiten steil hinunter. Hier erkennt man, warum die Rote Wand die Einstufung in G1 bis G2 verdient. Ist diese exponierte Stelle überwunden, ist der Gipfel auch nach wenigen Metern erklommen.Dort angekommen ist Thomik, schneller als ich und durchtrainiert von Kopf bis Zeh schon dabei, Suppe zu kochen. Suppe, denk ich mir? Was will der denn auf dem Berggipfel mit Suppe? Früher wurde auf dem Gipfel der Flachmann heraus geholt! Nach einigen Minuten bekomm ich meine erste und wahrscheinlich für immer beste Gipfelsuppe überreicht, die man sich denken kann. Für alle Zukunft wird für mich zum besteigen der Roten Wand die Gipfelsuppe von Thomik gehören. Vier ganze Stunden kostete mich der Aufstieg. Eine Stunde haben wir die gute Verpflegung und den grandiosen Ausblick auf dem Gipfel genossen. Nach weiteren drei Stunden Abstieg war ich wieder in der Hütte.

Eine erfrischende Dusche wirkt Wunder. Schnell ist die Maschine bepackt und nach einer halben Stunde Relaxen fahr ich eine weitere halbe Stunde zurück nach Lech. Der Tankwart beruhigt mich und erzählt mir, das der  Arlbergpaß seit kurzem wieder offen ist. Also weiter nach St. Anton. Was dann folgt ist nicht sehr berauschend. Die Beschilderung läßt keine andere Möglichkeit zu als in das Bundesstraßen-Tunnelsysstem zu fahren. Dieses ist jedoch noch nicht vollständig fertiggestellt und daher zum großen Teil auf sechzig km/h beschränkt. Die Strecke bis Landeck war dadurch unendlich öde. Da ich die folgende Strecke bereits kenne wars anschließend wieder entspannend und angenehm - auch in der Dunkelheit - über Nauders und den Reschenpaß ins Müstairtal zu fahren. Wie am Abend vorher bin ich um ungefähr neun Uhr im Hotel in Sta. Maria angekommen. Das letzte Bild beschreibt den Blick vom Balkon, der sich mir am nächsten Morgen eröffnet.
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